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Ein bisschen Krone der Volksmusik

10 Januar 2010 chosycat 3 Kommentare

Ich will
Alles oder gar nichts
Will hundert Prozent
Kann es sein, dass dieser Wahnsinn
Uns irgendwann trennt

stadthalle_chemnitzAls vergangenen September bekannt wurde, dass Florian Silbereisen mit dem “Fest der Volksmusik” des mdr einige Zeit nicht mehr aus der Stadthalle Chemnitz sende, war die Trauer unter den Gefolgsleuten tief. Am gestrigen Samstag jedoch machten zur “Krone der Volksmusik” gleich eine Vielzahl an “Stars” der Szene den Hallenwechsel vergessen, die ARD übertrug live. Mittlerweile tauchen die ersten Videos bei Youtube auf, was uns und allen anderen, die den Samstagabend nicht vor dem TV verbringen, erlaubt dieses kulturelle Ereignis aus einer “sicheren” Entfernung heraus zu studieren. Was verbindet Chemnitz mit der Volksmusik?

Chemnitz gilt aufgrund jener Fernsehshows mittlerweile als “Boomtown der Volksmusik”. Durch die Sendungen wird jedes Mal ein Millionenpublikum erreicht, die Stadthalle ist ausgebucht und lockt zahlreiche Besucher in die Stadt. Gestern schauten 6,17 Mio. Zuschauer die dreistündige Sendung; sogar die öffentliche Probe am Nachmittag war ausverkauft (bei 28 Euro pro Karte). Wirtschaftlich gesehen ist die Sache demnach ein Erfolg.

Die andere Seite neben der wirtschaftlichen Bedeutung bildet die Assoziationskette: Chemnitz – Senioren – Volksmusik, welche vor allem in der Kritik und Satire dankbar aufgenommen wird. Ein zweiter Blick auf die TV-Quote zeigt: nur jeder Zehnte der 6 Mio. Zuschauer ist unter 49 Jahre alt. Eine junge Zielgruppe, die unter Werbekunden aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke beliebter ist, wird für die Sendung und damit für die Stadt nicht erreicht. Oder wie “Florian Silbereisen” bei Switch die Chemnitzer begrüßte: “Hier im Osten ist es wirklich schön, aber bei uns im Westen ist es natürlich noch viel viel schöner!”

Bleibt die Frage nach der kulturellen Bedeutung, wer wird durch die Sendung angesprochen und durch was? “Mir gefällt eigentlich gar nichts an Volksmusik, die Musik ist einfach unerträglich”, so ein Jugendlicher in “Die Wahrheit über Deutschland” im euromaxx auf DW. Demnach hören nur 16,8 Prozent der unter 18-Jährigen diese Art von Musik. Der vom Reporter befragte Musiker des “Nockalm Quintett” meint hingegen, dass Volksmusik eine heimliche Leidenschaft vieler sei: “weil sie nicht dazu stehen und sich Freunden gegenüber schämen”.

Die ältere Dame im Beitrag beantwortet ihre Neigung zur Musik: “das Leben wäre halb so schön, trübe und fade”. Diese Einschätzung trifft jedoch auf jede Musik zu und ist nicht spezifisch für die Volksmusik. Aber vielleicht sind es ja tatsächlich die “Stars”, die besonders authentisch sind, wie ein anderer Herr sagt?

Gestern waren folgende Vertreter der volkstümlichen Musikszene zur Krone der Volksmusik in Chemnitz: Helene Fischer, die Kastelruther Spatzen, die Amigos, Vincent & Fernando, die Flippers, Stefan Mross, Judith & Mel, Patrick Lindner, Michael Hirte, Michael Wendler, Die Gei Waidler, Andrea Berg, Mireille Matthieu.

Gewonnen hat die Krone u.a. Schlagersängerin Helene Fischer (das dritte Jahr in Folge).

Sie singt in ihren Liedern von Herzschmerz, Liebe, Trennung etc.  Ihr letztes Album lautet “so wie ich bin”, was verdammt authentisch klingt, aber nicht zu verwechseln ist mit den Schlagerscheiben “Ich bin wie ich bin” (Vicky Leandros) oder “So wie ich bin” (Freddy Breck). Authentizität ist entsprechend wohl ein Wert, den fast jeder Musiker für sich in seiner Szene beansprucht.

So ist die Gruppe Tokio Hotel in der Kritik als nicht authentisch und vor allem als “Vermarktungsmaschine” aufgenommen worden. Bei der Krone der Volksmusik gestern war als Nachwuchstalent die zehnjährige Michelle Bönisch eingeladen, über welche in ihrer Heimatzeitung geschrieben steht: “Die Zeit vor dem großen Auftritt hat sie intensiv genutzt, um an Vortrag und Ausdruck ihres Gesangsbeitrages zu feilen.” Sie singe bereits seit dem dritten Lebensjahr und gehe ihre “Gesangskarriere ganz professionell an und erhält Unterricht an der Musik- und Kunstschule”. Über ihr Vorbild heißt es bei Wikipedia: “Stefanie Hertel stand bereits im Alter von vier Jahren mit ihrem Vater Eberhard Hertel auf der Bühne im vogtländischen Falkenstein.” Was für Tokio Hotel gilt, könnte bezüglich der Authenzität wohl dann ebenso bei den karrierebewussten Kindern der Volksmusik gelten.

Weiterhin wird das Fischer-Album von Amazon-Fanrezensenten als eintönig und ohne Entwicklung kritisiert und von anderen als gut bewertet. Wie in jeder anderen Szene gibt es Qualitätskriterien, die die Fans erfüllt sehen möchten. Schaut man sich jedoch die Preisträgerin nochmals an, so vermisst man Trachten (Lederhosen) und jegliche Anspielung auf schöne Berge und klare Seen, wie es das Klischee erwarten lässt. Moderator Emmerlich dazu: “Volksmusik ist alles, was vom Volk gehört wird.” Die vollkommene Nivellierung des Anspruchs, wie man es aus dem Mainstream-Hörfunk kennt.

Letztlich bleibt eine Wertung der Themen und Texte – soll es vielleicht die “heile Welt” sein, welche in der Volksmusik und im Schlager die älteren Hörer ansprechen?

Liebt sie dich so wie ich Du warst einmal für mich
Der Mittelpunkt des Lebens
Ich hätte alles und noch mehr für dich gemacht

Das Zitat am Artikelanfang stammt aus Fischers Lied “Hundert Prozent”, dieses Zitat von Christina Stürmer “Liebt sie dich so wie ich”, welche als Pop-Rock-Sängerin gilt. Schlagertexte im Pop gibt es, jedoch erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass 50 Cent mit diesem Text bei Silbereisen auftritt:

Verdammt, Baby, Alles was ich brauche ist ein bisschen
Ein bisschen von dem, ein bisschen von jenem
Lass es im Club krachen, wenn du den Scheiß hörst

Was verbindet Chemnitz letztlich mit der Volksmusik? Wahrscheinlich ist es nur die günstige Saalmiete, gepaart mit etwas höherer Zielgruppendichte. Ggf. sind die Chemnitzer Senioren etwas mehr an “heiler Welt” interessiert, aber das lässt sich schwer belegen.

Und wenn es die heile Welt ganz ohne “Scheiß” sein soll, was gerade ältere Chemnitzer anspricht, dann wäre ein Auftritt von „Wolfgang und Anneliese” anzudenken. Die Parodie von Pastewka/Engelke scheint die Originale überbieten zu wollen. Währenddessen Oliver Kalkofe und Switch für ihre derbe Ironie, teilweise mit Fäkalsprache, bekannt sind, scheint das Volksmusik-Ehepaar den Brückenschlag zwischen Jung und Alt zu probieren. Wir erwarten in der Stadthalle Chemnitz eine “authentische” Volksmusik-Sendung. ;-)

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