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Wortscharmützel @ Weltecho | 08.01.2010

11 Januar 2010 ChosyCheM 8 Kommentare

Heute erreichte uns ein Gastbeitrag von Katrin Kropf, der Chemnitzer Rockjournalistin von rockzoom.de und Bibliothekarin unserer Stadtbibliothek, über den Poetry Slam am Freitag im Weltecho. Vielen Dank dafür und euch Freude beim Lesen!

Foto: Patrick Schulze

Foto: Patrick Schulze

Am Freitag ging im Weltecho einmal mehr das „Wortscharmützel” über die Bühne. Dort hatte sich vor allem das junge Volk – ja, das gibt es tatsächlich (noch) in Chemnitz – sehr zahlreich versammelt, um neun Poeten von nah und fern Aufmerksamkeit zu schenken. Doch beim bloßen Konsum der liveperformten literarischen Texte sollte es nicht bleiben: Bei einem Poetry Slam ist das Publikum zugleich Jury und wähnt sich in der Rolle des Literaturkritikers. Dabei werden jedoch keine großen Worte verloren: Entscheidend bei einem Poetry Slam ist die Lautstärke, die einem Poeten nach der Rezitation entgegenplärrt, -stampft und -klatscht und über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Für die Dezibelmessung, lässige Überbrückungsmoderation und Auslosung der neun Teilnehmer waren Christian Kolb und die Dame mit Hut, ihres Zeichens auch Chemnitzer Slammerin und seit Oktober 2008 Veranstalterin des Scharmützels, verantwortlich… ebenso fürs Aufpassen auf die gute Flasche Grasovska Wodka, die dem Gewinner dieses Wettbewerbes am Ende überreicht werden sollte.

didiling

Foto: Leon Weidauer

Für gute Einstimmung sorgte zunächst die Chemnitzer Nachwuchsmusikerin Didiling, Mädchen mit Gitarre und bald mit einer CD im Gepäck. Die junge Didi griff zwar hin und wieder ein bisschen unsauber in die Saiten, zog das Publikum aber rasch durch sympathisches, authentisches Auftreten auf ihre Seite.

Wolf Hogekamp machte seitens der Poeten den Anfang. Der Berliner ist zu den Urgesteinen des deutschen Poetry Slams zu zählen und reiste wohl auch eher zum Spaß als mit Siegesabsichten nach Chemnitz. ‘2 Minuten dauert der Text’, meinte er, 7 Minuten durfte er sich nehmen und am Ende dauerte der Rap über Chemnitz aus Beton vielleicht gerade mal 30 Sekunden. Der schon etwas betagte Slammer schleuderte die Worte über unsere Stadt in flotter Rap-Manier heraus und traf textlich gerade aufgrund dieser knackigen Würze den Nagel auf den berühmten Marxnischel.
Die erste Runde sollte jedoch Konstantin Turra für sich entscheiden. Mit seiner kurzweiligen Prosa gab er Einblick in den Tag eines entnervten Erzieher-Praktikanten: Eskalation im Kindergarten. Das Drama entfaltete sich durch Konstantins rasantes Tempo und die Fähigkeit, trotz der sich überschlagenden Ereignisse der Geschichte alle Kinderstimmchen für alle noch gut unterscheidbar und absolut glaubwürdig wiedergeben zu können.
Auch die zweite Runde brachte einen recht eindeutigen Sieger hervor: Dominik Bartels reiste extra aus Braunschweig an und kehrte mit seinen zehn Kollegen – er verkörperte bei seiner Performance gleich elf Persönlichkeiten in einer Personalunion, die sich alle im Körper eines einzigen Mannes um einen Job bewarben – ins Finale ein.

Eine kleine Pause bot Zeit und Gelegenheit zu gewagten Siegerprognosen an der Bar, Frischluftschnuppern an Daisys schmaler Brust, Anstellen an der Damentoilette und/oder „Monni”, die gerade ausgeklungene Weihnachtsausstellung des Oscar e.V. in der Weltecho-Galerie. Dann nochmal ein bisschen Didiling und weiter ging’s mit Runde drei und dem Finale.

frank_weissbach

Foto: Patrick Schulze

Schon bei Frank Weißbach (sein Blogbeitrag zum Wortscharmützel) in der Vorrunde konnte man beobachten, dass ernstere Texte, die hohe Aufmerksamkeit und mitunter sogar einer gewissen (Ein-)Stimmung bedürfen, es bei einem Poetry Slam nicht leicht haben. Gerade wenn sie so endstationär sind wie bei Frank, oder dem Dichter (und im besten Falle auch dem Zuhörenden) direkt einen Seelenspiegel vorhalten, wie es Kay Nagel tat. Peinlich, meinen wohl die einen bei seinen sprachlich antiquierten Gedichten, mutig vielleicht andere.
Dann endlich die Mädels. Franziska Wilhelm aus Leipzig ist Wiederholungstäterin. Sie war schon beim SPIEGEL-Poetry Slam im Finale dabei und hat Erfahrungen bei einschlägigen Slams. Die hohen Erwartungen konnte sie mit ihrer kurzweiligen Zahnspangenstory absolut erfüllen.
Veronika Scholz hingegen ist Neuling auf diesem Gebiet; angemerkt hat man es ihr aber nicht. Die Nachahmung einer nächtlich-plagenden Stechmücke gelang ihr pervers präzise; das Publikum wusste genau, was diese Leidensgenossin mitmachte und fand die eigenen Gedanken bei einem solchen Parasitenbesuch in Wort gegossen. Jedenfalls mein absoluter Favorit, trotz kleiner Nervositätsstolperer. Am Ende trennten die beiden Damen gerade mal 0,1 Dezibel! Wie laut ist das eigentlich? Wie ein fallendes Streichholz?

Foto von Leon Weidauer

Foto: Leon Weidauer

Nicht minder spannend dann das Finale. An den Text vom Dominik Bartels kann ich mich zwar gar nicht mehr erinnern, aber Konstantin Turra haute in eine ähnlich zynische Kerbe wie in der Vorrunde und Franziska Wilhelm wagte gleich etwas ganz Neues: einen Strophe-Chorus-Rap mit sprachlich starrem Schema über die Alltagsängste einiger Protagonisten: „Panik” hieß das Gedicht und war persönlich nicht so mein Fall, da das Metrenkorsett doch einiges vom guten Inhalt abgeschnürt hat. Das Publikum entschied jedoch am Ende, dass Franziska die Wodkaflasche mit nach hause nehmen sollte und trat nach einem absolut gelungenen, gut besuchten Abend den Weg zurück in andere Betonburgen an, sich sicher sagend, dass man das nächste Wortscharmützel im Weltecho auf keinen Fall verpassen sollte.

Die Teilnehmer waren:

Wolf Hogekamp
Konstantin Turra (Finalteilnehmer)
Ron Uhlig

Wolf Nestler
Dominik Bartels (Finalteilnehmer)
Frank Weißbach

Kay Nagel
Franziska Wilhelm (Gewinnerin)
Veronika Scholz

Wenn du dir den nächsten Wettbewerb nicht entgehen lassen willst, schau am besten regelmäßig auf poetry-slam-chemnitz.de vorbei. Im April gibt’s den nächsten Chemnitzer Poetry Slam im Weltecho, jetzt im Januar findet außerdem einer im delicate statt, zu dem du dich sogar noch anmelden kannst, wenn du Teilnehmer sein möchtest.

Mehr Fotos zum Slam von Leon Weidauer und Patrick Schulze gibt’s nach dem Klick.

8 Kommentare »

  • Der Herr Kritiker said:

    Schade, dass in diesem Artikel kritisiert wird, dass ernste Texte im Wortscharmützel angeblich nicht genügend beachtet werden und dabei die hammer Gedichte von Ron Uhlig und Wolf-Hendrik Nestler kein einziges Mal erwähnt wurden, als auch der einzige politische Text, im Finale von Dominik Bartels, schlichtweg vergessen wurde…

  • patrickschulze said:

    wow, so schnell schon kritik geerntet. das kann auch gut sein.
    ich lese den spass und den schönen abend heraus aus dem artikel und sehe beim lesen das brechend volle weltecho vor mir.

    @der herr kritiker, ja und an den fotos hast du wohl gar nichts auszusetzen? fühle mich unbeachtet! ;)

  • Kaess said:

    Fand die Gedichte der beiden Besagten eigentlich nicht so hammer.. vielleicht hätten sie da noch was vornwegschieben sollen, so als Einstimmung. Und “Soldatenkritik” ist nun auch nicht zwangsweise politisch.. jetzt dämmert’s aber wieder. ;) Nützt aber auch nichts, jeden einzelnen Beitrag zu sezieren, so schon lang genug, das Geschreibs. Wollte mich dann doch eher auf die Highlights konzentrieren.

  • Stadt hinter dem Horizont > Wortscharmützel, der Poetry Slam Chemnitz said:

    [...] Artikel zum Slam gibt es auf Chemnitz-lebt.de. Empfehlen [...]

  • Zwangsweise anders said:

    Natürlich muss Soldatenkritik nicht zwangsweise politisch sein, aber mal im Ernst, der Text von Dominik Bartels beschäftigte sich gerade zum Ende ganz eindeutig mit der derzeitigen Situation in Afghanistan und die generelle Hilflosigkeit, die Politik und Streitkräfte hier an den Tag legen. Das finde ich schon politisch. Für mich auch der Text, der das Publikum am meisten polarisierte. Ich erinnere mich dunkel an einige Zwischenrufe vom Thekenbereich. Auf jeden Fall war es mutig, so ein Ding im Finale rauszuhauen, weil man damit ganz sicher nicht auf Sieg spielt.

    by the way: Die Fotos sind großartig geworden. Ich fühle mich an die eine oder andere Begebenheit lebendig erinnert.

    Und abschließend: Der Bericht ist trotzdem toll geschrieben und ich finde es gerade erfrischend, wenn man auch mal klar und deutlich sagt, dass man mit manchen Beiträgen weniger anfangen konnte.

  • 5. Open Stage im Club der Kulturen | Chosy said:

    [...] Stunden lang gibt es Auftritte auf der Bühne, danach legt DJ FlashCAT auf. Angekündigt sind Poetry Slammer, ein bulgarisches Gesangs-Duett sowie Balalaika-Musik und Tanz. Für Kurzentschlossene ist eine [...]

  • Pola Risiert said:

    Die Autorin isst … [Kommentar aufgrund von Beleidigung der Gastautorin von der Redaktion entfernt].

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