Chemnitz in der Sonne
Die Stadt liege nicht mehr im Schatten ihrer beiden sächsischen Konkurrenten. Im Vergleich der wirtschaftlichen Kennzahlen sei Chemnitz in die erste Reihe vorgerückt.
Cornelius Pollmer schreibt unter der Überschrift “Aufwärts immer” in der aktuellen Ausgabe der ZEIT über die Chemnitzer Wirtschaft und das Bewusstsein einer Industriestadt. Der in Dresden VWL-studierte Pollmer (geb. 1984) schreibe “am liebsten Reportagen, über gescheiterte Helden und entlegene Orte in Deutschland”, so ein Profil von ihm im Internet.
In seinem Artikel über Chemnitz verknüpft er (unbewusst) beide Betrachtungsweisen: er beschreibt die Stadt als Held mit einer Gefahr zum Scheitern, denn er geht in seinem Artikel für das Hamburger Wochenblatt zunächst auf die erfolgreichen Seiten ein. Gleichzeitig betont er die Gefahr als entlegene Stadt durch Provinzdenken den Erfolg zu riskieren. Dies zeigt sich in der weiteren Diskussion unter Einbeziehung eines Interviews mit OB Barbara Ludwig, der Direktorin der Kunstsammlungen Ingrid Mössinger und einem jungen Mediziner hinüber zum “Imageproblem” inkl. Streicheleinheiten für die Demografie-Strukturproblemssau.
Ein Held ist Chemnitz aufgrund seiner mittelständischen Erfolgsgeschichten, explizit ist Tino Petsch mit 3D-Micromac im Artikel vorgestellt. Seine Entscheidung für den Standort im Gegensatz zur Abwanderung verdeutliche die guten Standortfaktoren. Die auch von der Politik immer wieder hervorgehobenen geringen Arbeitskosten, niedrigen Lebenshaltungskosten und dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen im Osten, welche auch Landesdirektions-Präsident Noltze in seinem Vortrag bei der Auftaktveranstaltung der Reihe “Demographie im Blickpunkt” betonte.
Gescheitert könnte dieser Held sein, da es an Vision und Image fehle, eine Provinz eben. Die Stadt sei an einem “Bergkamm”, so Mössinger, die Gefahr des Absturzes aufgrund fehlender “großer Gedanken” sei schwebend.
Obwohl die Überschrift gemäß dem Vorwärts-Vorbild des Honecker-Spruchs rückwärtsgewandt sozialistisch klingt, geht es im zweiten Artikelteil um die Zukunft und die Vision. Allerdings: die Analyse des Bewusstseins erfolgt hier methodisch im Sinne des dialektischen Materialismus – er erklärt die Wirklichkeit ausgehend von der materiellen Existenz und der Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte. Chemnitz als Industriestadt, die sie gerade auch in der DDR war, habe nach der Wende eine zweite Industrialisierung mit einem schwierigen Start erlebt. Er zitiert den Hallenser Wirtschaftsforscher Blum mit dem Satz:
Danach habe sich aber gezeigt, dass sich Regionen auch ohne das ganz große Fördergeld gut entwickeln könnten – wenn ihre Menschen nicht jammern, sondern klotzen, wenn sie durchhalten, wenn sie geduldig sind, erfinderisch und genügsam.
Das Bewusstsein jedoch sei dieser Entwicklung noch nicht gefolgt, so OB Ludwig. Die Umbennung in Karl-Marx-Stadt, die Wendezeit und der Vergleich mit Dresden und Leipzig habe dem Bewusstsein einen “Knacks” gegeben. Ein Glück vergleicht der Autor Chemnitz nicht mit Leipzig und Dresden möchte man da denken.
Für Visionen führt Pollmer Frau Mössingers Ideen für:
- Dependance der Dresdner Kunsthochschule,
- Neubau eines Kunsthochhaus
sowie die Wachstumsvision 2030 des Industrievereins an.
Dialektisch dagegen stellt er in Anbetracht der Strukturproblems-Sau der gescholtenen Renterhauptstadt den jungen Mediziner als Vertreter einer unzufriedenen Chemnitzerschaft, die abwanderungswillig sei. Verhinderte Eigentiniative und geringer Veränderungsmut sowie der Abriss stellen als Schlagworte den Schlusspunkt des Artikels dar.
Das Bewusstseinsproblem sei nicht einfach zu lösen. Das Ende bleibt offen. Gescheiterter Provinzheld oder erfolgreiche Großstadt – die Entscheidung liegt bei den Chemnitzern, wenn man dem zitierten Wirtschaftsforscher folgt. Zu kurz kommt in dem Artikel die Diskussion innerhalb der Stadt über das Konzept der “Stadt der Moderne” sowie die Bestrebungen engagierter Chemnitzer und der vielen Initiativen, die sich um Jugendkultur und eine bessere Außenwirkung bemühen.












Dafür, dass es ein Dresdner geschrieben hat, sind wir ja echt gut weggekommen in der ZEIT. Muss an der Chemnitzer Verwandtschaft des Autors liegen, hätte es sonst bestimmt Stress gegeben
Chemnitz, der dem Scheitern nahe Held. Hm. Äh.
Was mal gegen den erwähnten Abwanderungswillen helfen würde, wäre eine Förderung von Jugendkultur. Dabei rede ich nicht vom “ganz großen Fördergeld”, sondern eher menschlicher und regulativer Unterstützung.
Was ich von meinen Bekannten in Sachen Hürden von chemnitzer Behörden mitgekriegt habe, lässt mich nur mit dem Kopf schütteln.
Naja, egal. Ist hier wohl eh die falsche Stelle. ;o)
–
Nieder mit den Behürden!
[...] einer revitalisierten Selbstwahrnehmung und Außenwirkung auf. Er gründet auf den wirtschaftlichen Sonnenseiten der Stadt und der erneuernden Kraft, die sowohl 1945 als auch 1989 sichtbar [...]
[...] den Ausbau der Kunstsammlungen, der Innenstadtaufbau, die Schließung des Cube Club und die wirtschaftliche Entwicklung [...]
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