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Chemnitz im Juli 2010

30 Juli 2010 ChosyCheM 3 Kommentare

Die Hitze hat in der Stadt beinahe alle Aktivitäten zum Erliegen gebracht. Selbst die Kalenderbauer haben nur das n durch ein l ersetzt, um einen neuen Monat verkaufen zu können. Was für ein Glück, dass es doch ab und an geregnet hat, sodass Medien auf Themen reiten konnten und Amtsschimmel galoppierten. Hier sind die zehn denkwürdigsten Ereignisse im Juli 2010 in Chemnitz:

10. Anfang des Monats interessierte sich fast jeder Chemnitzer für das Ballspiel in Südafrika. Besonders hervorzuheben sind dabei wohl die Tierorakel des Tierparks, welche ihre anfängliche Trefferquote bis zum Ende durchgehalten haben: keine einzige Prognose stimmte. Bei der nächsten WM lassen wir die Tiere im Botanischen Garten entscheiden, wenn es diese bis dahin noch gibt.

09. Jauchzet, frohlocket! Der neue Chef von Porsche ist Chemnitzer! Sobald Matthias Müller im Oktober sein Amt antritt, wird an jeden Haushalt abhängig von Standort- und Humanfaktoren ein Bezugsrecht für ein Cabrio oder einen Geländewagen, für ein Fahrrad, einen Schlüsselanhänger oder gar einen neidischen Blick in Nachbars Garage vergeben.

08. Während die Deutsche Bahn mit hohen Temperaturen kämpft und Passagiere kollabieren lässt, siegen bei der CVAG (mal wieder) die höheren Preise über die Fahrgäste. Wenigstens ist die Finanzierung der Multimedia-Ausstattung der Busse und Bahnen für mehr Ordnung gesichert.

07. An der Hartmannbrücke wird noch immer nicht weitergebaut. Trotz Abrissbeschluss der Stadt darf nicht gebaggert werden, das Haus ist laut Denkmalschutzbehörde unverzichtbar. Wie die geldverschlingende Story weitergeht, sagt uns demnächst die Landesdirektion. Bis dahin widmen wir unsere Aufmerksamkeit einer anderen Brücke – am Falkeplatz wurde “endlich” das vertraglich geforderte Überquerungsbauwerk begonnen, was vom Stadtrat nicht gewollt ist, aber auch nur 266 Tsd. Euro kosten wird. :shock:

06. Die Chemnitzer Ordnungsbehörde macht ab sofort auf Fahrrädern die Stadt sicher. Die Ausrüstung der vier Ordnungshüter im Wert von 6000 Euro ist angesichts des Profits für das Sicherheitsgefühl von Jung und Alt gerecht: sowohl falsche Omihunde als auch falsche Jasmins werden durch sie angezeigt.

05. „Fahren Sie jetzt 10 km/h schneller, um ein neues Schulbuch zu finanzieren!“ oder „Ein Tritt aufs Gas macht jetzt noch mehr Spaß!“ – die neue Imagekampagne der Ordnungsbehörde zieht. In den ersten 24 Stunden der Inbetriebnahme der neuen Sicherheitseinheiten am Südring wurden so 450 Bürger zur Ordnung geblitzt (wir rechnen nach: alle drei Minuten einer). Eine famose Zahl, die jedoch nicht ausreicht, um alle Schulen und Sozialeinrichtungen zu finanzieren. Abgesehen von den 110 Tsd. Euro Anschaffungskosten der Anlage werden noch viele Freiwillige gesucht, die mindestens 50 Euro für einen guten Zweck spenden möchten. Wem das zu langsam und umständlich ist für Sicherheit und Bildung zu sorgen, der kann auch direkt überweisen.

04. Der Papierverbrauch im Rathaus ist von 86 Tonnen im Jahr 2000 auf 133 Tonnen im vergangen Jahr angestiegen. Die Hälfte davon ist Recycling-Papier. Geht man von etwa 5g pro A4-Blatt aus, müssten also gerade einmal 17,2 Mio. Blätter pro Jahr bzw. 47 Tsd. Blätter am Tag bedruckt und verordnet wurden sein. Also fast nichts. :lol:

03. Großer Erfolg: Die E-Cards der Stadt wurden im ersten Halbjahr 300 Mal verschickt. Ähnlich beliebt wie die elektronische Postkarte im Internet, deren Einführung schon so lange zurückliegt, dass man nur mehr ungenau von den Jahren Anfang der 90er spricht, ist das elektronische Gästebuch, in welchem 19 Beiträge erschienen. Aufgrund des Erfolgs beider Mitmachangebote möchte die Stadt demnächst so etwas wie ein Simultangesprächsdialogsystem einführen, angeblich ist für 50 Tsd. Euro eine Ausschreibung geplant.

02. Die Zara-Filiale in der Chemnitzer Innenstadt bleibt erhalten! Angesichts der ausdifferenzierten Individualität jener Einkaufsmöglichkeit hat Inditex in den vier Jahren vor 2008 die Anzahl seiner Filialen von 2000 auf 4000 gerade einmal verdoppelt, trägt dies zur Unverwechselbarkeit des Zentrums mit seiner großgliedrigen, vergalerieten und vergalariaten Handelsstruktur bei. Das freut nicht nur den Chef der Wirtschaftsförderung, der für diese Überzeugungsleistung heldenhaft extra nach Hamburg gefahren ist, sondern auch die Töpfe und Pfannen von WMF um die Ecke. Jene wollen nach einem gefühlten Jahrzehnt Schließungsausverkauf auch bleiben. Eine Bleibewelle bahnt sich an.

01. Dort im Sektor B3, wo wüstes Ödland sich entfaltete, dort bewies ein plebiszitärer Akt die Übermacht der menschlichen Vernunft. Der Ort der amtsschimmeligen Weißheit wird nicht etwa Amtsbehördeninnenstadtcityzentrumbürgerservicestelle bzw. etwas umständlicherer „B3“ genannt werden, sondern „Bürgerhaus am Wall“. 49,7 Prozent der sagenhaften 322 abstimmenden Chemnitzer entschieden sich für den defensiven Wehrbegriff. Die Nostalgieroute „austauschbare Architektur“ wird nun von der Galerie Roter Turm über den Türmer bis zum Bürgerhaus am Wall verlängert.

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