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Auf der Straße, vor einer anderen Tür oder C wie Karl-Marx-Stadt

23 Dezember 2011 2 Kommentare Werbung*

Im Oktober erschien im neuen Chosy Guide ein Text von Gregor Eichhorn. Den Text stellen wir auch allen anderen ohne Buch hier in einer ungekürzten Fassung für eine besinnliche Lektüre zu Weihnachten zur Verfügung. Der Text handelt von unserer Stadt, den Menschen und… dir!

Auf der Straße, vor einer anderen Tür
oder C wie Karl-Marx-Stadt

Es ist die Suche nach einer Identität.

Fragt man die Zugereisten, Dagebliebenen, Merkwürdig-Faszinierten, Immer-wieder-Zurückkehrenden, was es wohl sein könnte, das sie durch die breiten, mitunter so leeren Straßen dieses ganz speziellen Gebildes Chemnitz trägt, dann ist es das Ringen dieser Stadt mit sich selbst. Dieses „Nicht mehr, noch nicht“. Das Meandern des Suchenden zwischen den Extremen, das Unfertige, Gebrochene, Wuchernde und Wachsende. Das Schräge und Skurrile, das im Chaos des Werdens als flüchtige Formen immer wieder entsteht und verschwindet.

Nächtelang wurden endlose Diskussionen von alten und neuen Chemnitzern geführt, um zu fassen, was diesen Ort ausmacht oder was er sein sollte, was man tun könnte und müsste, um es lebendiger, offener oder eben irgendwie anders (aber wie wohl?) zu machen in diesem „Erzgebirgsnest“, wie man es an schlechten Tagen nennt. Wenn wieder nichts passiert, keiner kommt, man allein in zu großen Räumen steht oder die Stadtverwaltung und angegliederte Betriebe die nächste großartige Idee zu Tode ignoriert oder verwaltet haben.

Wie jeder Zweifelnde zerstört die Stadt Chemnitz immer wieder Dinge, die aus ihr selbst entstanden sind und baut sie aus sich heraus wieder auf. Der verbiesterte und verschlossene Teil hat erfolgreich Europas größtes Hip-Hop-Festival „Splash“ vertrieben, hat die großartige Kulturschmiede „Voxxx“ auf dem Kaßberg zerstampft, den Farbtupfer „Experimentelles Karree“ verbannt und aus Kleingeistigkeit (bisher) den grandiosen Brühl-Boulevard verkommen lassen.

Es ist eine tödliche Mischung aus der phantasieloser betriebswirtschaftlicher Fixierung des „Westens“ und obrigkeitsstaatlicher Kontrollsucht des „Ostens“, an der Chemnitz schwer zu leiden hat. Sozusagen das Negativste aus den beiden Systemen DDR und BRD, die das heutige Gesicht der Stadt prägen.

Doch langsam dreht sich der Wind. Wer sich einmal etwas Platz und Luft erkämpft hat, erlebt das Magische dieser zerklüfteten, rauen Schönheit, den kurzen Blick auf das riesige Potential, was zwischen diesen Häuserschluchten schlummert – die grandiosen kleinen und kuscheligen Konzerte in den versteckten und geheimnisvollen Fast-Abrisshäusern, die ganz und gar überhaupt nicht anonymen Mini-Partys in den Lichtkleksen nach scheinbar endlos dunklen Straßen, die spektakulären kleinen und mittleren Kunst- und Musik-Festivals z.B. auf der Schlossteichinsel, dem Sonnenberg oder an wechselnden aufregenden Orten wie etwa die diesjährigen „Begehungen“ in einem alten Stasi-Knast. Oder man schleicht hinüber an die Leipziger Straße, wo mitten im Dunkel ein rot-weißes Schild die „Zukunft“ verspricht, wo hartnäckige junge Menschen das „Kompott“ aufgebaut haben, diesen aufregenden Koloss aus Lesecafé, Ateliers, Wohnungen, Partylocation, Debattierklub und manchmal einfach Volleyballplatz.

Oder man läuft plötzlich mit fünfzig Leuten bei einem „Cinema to go“ über den Brühl, bestaunt noch etwas verschüchtert und ungläubig kleine Filme auf Häuserfassaden, flüstert, lacht, und denkt sich: Wie schön das hier sein könnte! Noch endet die Menschentraube wenige Meter hinter einem, noch sind die meisten Fenster dunkel, noch pulsiert nichts – aber etwas beginnt, sich zu bewegen. Man steht am Anfang einer Geschichte, man könnte Pionier eines neuen Chemnitz werden, das gerade entsteht und um sich ringt, das noch unbekannt ist, noch ohne Gesicht, noch zwischen den Dingen stehend.

Dieser Prozess, dieses Unfertige und Zerklüftete ist es auch, das Chemnitz jedes Jahr – von den Einheimischen fast unbemerkt – überproportional viele junge Künstler, Musiker und Filmemacher ausspucken lässt, welche die Bühnen, Museen, Festivals und Kunsthochschulen des ganzen Landes und darüber hinaus bevölkern. Man könnte vieles mehr aufzählen aber zum Glück ist es nach Jahren der immer gleichen Langweiligkeiten langsam nicht mehr zählbar.

Chemnitz – das ist also auch ein uneingelöstes Versprechen. Es könnte alles so schön sein. Es könnte. Wenn nur… ja wenn was?

Wenn man sich entscheidet. Wenn man nach drei öden Wochenenden ein viertes in der Stadt bleibt. Wenn man bis ans Ende der Straße läuft, bereit ist, sich – ganz unzeitgemäß! – zu fixieren und zu gedulden, etwas so sehr und so konsequent zu wollen, dass man eine halbe Ewigkeit durch das dunkle „Dazwischen“ in dieser Stadt fährt, bevor man an die nächste Insel aus Licht gelangt, wo plötzlich wie aus dem Nichts die beste Party des Jahres passiert.

Was dieser Text bereits vermuten lässt: Chemnitz steht auf der Kippe. Und deswegen wird jeder einzelne gebraucht. Hier geht es um alles. Damit keine Missverständnisse entstehen: Schon unzählige Menschen wurden durch die o.g. Umstände es aus dieser Stadt getrieben und die Zumutungen und Absurditäten des Spätkapitalismus sind in Chemnitz nicht anders als überall sonst. Aber hier (und man könnte fast sagen: nur hier) gibt es diesen riesigen Freiraum, dieses unbestellte Feld, diese Mischung aus Großstadt und Kuschelichkeit, in der die Chance auf etwas neues, anderes besteht.

Apropos – ein kluger Zugezogener hat einmal gesagt: Wenn zwei Menschen sich treffen, haben sie immer eine Chance. Und Chemnitz – das ist eine Stadt für Zwei. Wenn jetzt der Herbst kommt und sich die Oktobersonne in den sozialistischen Prachtbauten spiegelt, trabt man am besten als Gespann durch die Straßen und genießt die gepflegte Melancholie, klappt den Kragen hoch, schaut auf die Wölkchen aus heißem Atemdampf vor dem Gesicht des oder der anderen und fängt an, zu reden. Weglaufen gilt nicht, auch wenn es mal schwierig wird. So viele von uns haben wir nicht. Hier müssen (und heutzutage sollte man sagen: dürfen) wir uns aufeinander einlassen.

Manch einer mag das als Enge empfinden, aber in Wirklichkeit ist es eben die Chance auf Tiefe.

Wenn man will, findet man hier, was die meisten von uns dann trotz aller gewünschter und ersehnter Coolness eben auch ein bisschen suchen: ein klein wenig Wärme.

Niemand sollte versuchen, aus Chemnitz etwas zu machen, was es nicht sein kann und bitte auch nicht sein muss. Berlin Mitte ist hier nicht. Kein gemachtes Nest, keine Neu- oder Südvorstadt, wo man sich hinsetzt, sein Szenegetränk schlürft und sich krass fühlen darf, ohne was dafür zu tun und ohne ein anderer zu sein als 100 Kilometer entfernt.

Wer sich ein Label aufkleben möchte um das eigene Leben aufzuwerten, ist hier falsch. „Be Chemnitz“ gibt es nicht. Wer den schnellen Kick, die Partymeile, die Ablenkung und Anonymität sucht, sollte woanders hingehen. Hier gibt es nur das schöne Leben, das man sich selber organisiert.

Wer – im WWW-Sprech gehalten – ständig fünfzig Tabs parallel geöffnet haben möchte, ist an anderen Orten besser aufgehoben.

Um nicht missverstanden zu werden: Woanders ist es auch toll und für viele vielleicht sogar besser! Es gibt in diesen Fragen kein Richtig oder Falsch – nur Alternativen. Und Chemnitz, das wünschen wir uns alle, soll zwar unbedingt schöner werden, aber bitte anders bleiben.

Diese Stadt ist also auf der Suche nach sich selbst. Ein bisschen wie jemand im ersten Semester.

Die Straßen hier sind breit und warten auf Deine Füße, die Häuser blicken Dich an und fragen, wann Du sie eroberst, das dunkle Dazwischen will von Dir gefüllt werden. Deine Bühne steht, der Vorhang ist geöffnet. Das Stück ist unbekannt. Du entscheidest, was hier geschehen soll. Ohne dich und Deinen Plan vom Glück geht es nicht, dann ist alles verloren.

Vergiss nicht: Wenn Du in Chemnitz auf die Straße trittst, musst Du wissen, vor welche Tür Du möchtest.

GREGOR EICHHORN, 29, geboren in Karl-Marx-Stadt, hat sich entschieden, ein Filmstudium abzubrechen und ein Medizinstudium zu beenden. Dann entschied er sich, parallel zu Letzterem weiter Filme zu drehen. Vor kurzem fällte er die Entscheidung, als Assistenzarzt in Chemnitz zu arbeiten. Mit aller Entschiedenheit glaubt er an das Regionale als Gegengewicht zum unentschiedenen Globalen. Jede dieser Entscheidungen hätte er auch mit gutem Grund anders treffen können.
Texte, Termine, Filme: www.gregoreichhorn.de

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